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Liebe Kirche,

wir müssen mal reden. Irgendwie stehst Du mit uns Hochzeitsfotografen auf Kriegsfuß. Verstehe mich nicht falsch: Ich bin grundsätzlich auf Deiner Seite. Ich komme aus einem Theologen-Elternhaus, habe selbst kirchlich geheiratet und freue mich jedes Mal, wenn ein Paar zu mir kommt und sich kirchlich trauen lassen will. Ich mag dich wirklich, trotz Deiner Unbeweglichkeit, trotz Deines häufig so humorlosen und uninspirierenden Personals. Ich finde einfach, Deine Message ist so unfassbar universal und großartig, das stellt alles andere in den Schatten und lässt über die ein oder andere Schwäche hinwegsehen.

Trotzdem: Ich habe gerade einen Hals auf Dich, bzw. auf Deine Vertreter. Es scheint so, als wären Pastoren und Fotografen natürliche Feinde, zumindest, wenn es um Hochzeiten geht. Neulich bekam ich wieder so eine Ansage: „Ein- und Auszug. Sonst nichts. Genießen Sie den Gottesdienst.“ Kein Kompromiss, kein Frage, wie alle glücklich werden können: Kirche, Gemeinde, Paar, Fotograf.

Ein wenig kann ich Dich verstehen: Du hattest bestimmt schon tausendmal Besuch von fürchterlichen Hochzeitsfotografen: Blitzlicht, Dauerfeuer, Rumspringen im Altarraum und am besten noch mit irgendwelchen Kommandos für das Brautpaar. Leute, die mit Kirche nichts anfangen können und Gottesdienste nicht achten, kein Gespür für falsche und richtige Momente haben und für die eine Kirche nur eine „Location“ ist und ein Gottesdienst ein Fotoshooting mit Musik.

Aber wir sind nicht alle so. Viele von uns stehen mehrmals im Monat in einer Kirche, kennen Gottesdienste verschiedenster Konfessionen und bringen alleine dadurch vielleicht auch ein Gespür für die Besonderheit dieses Raumes und einer kirchlichen Trauung mit. Wir können nahezu lautlos fotografieren und benötigen keinen Blitz. Wir wissen, wann das Fotografieren stört und wann nicht und fotografieren ganz gezielt, weil wir einen Plan haben. Im Idealfall bemerkt man uns nicht.

Ich verstehe, dass Du den Gottesdienst schützen willst, dass Du ein Gespür dafür wecken willst, dass man nicht alles festhalten kann und besondere Momente sich in die Herzen und nicht auf Speicherkarten brennen sollten. Aber manchmal übertreibst Du es etwas.

Warum hast Du so eine Angst, dass die christliche Botschaft unter die Räder kommt, wenn dabei fotografiert wird? Ist die Liebe Gottes so schwach, dass wir sie nicht mehr verstehen und wahrnehmen, wenn eine Person im Raum sich um schöne Fotos kümmert? Wir stören nicht, sondern sorgen dafür, dass die anderen sich ganz auf die Trauung konzentrieren und das Handy in der Tasche lassen können.

Warum bist Du so verschlossen? Wir leben in einer Welt der Bilder. Deine Welt des Wortes ist 500 Jahre alt. Lass das Leben doch in Deine Kirchen. Ganz entspannt. Habe keine Angst um die „Unversehrtheit“ Deiner Botschaft, glaube doch selbst an ihre Kraft. Ich habe immer das Gefühl, dass Du einen Großteil Deiner Kraft darauf verwendest, „Störungen“ abzuhalten. Wir halten das, was Du tust, fest und tragen es in Form von Bildern in die Welt. Wir zeigen Deine Erhabenheit, Deine Tradition, Deine Freude und anhand unserer Bilder wird im Freundeskreis darüber gesprochen, wie schön ein Gottesdienst war. Wir könnten so viel für Dich tun, wenn Du nicht so abweisend wärest.

Die Ansage „Ein- und Auszug“ reduziert Dich auf zwei (!) belanglose Bilder von einem Paar, das einen Gang hinuntergeht. Ist das Dein Anspruch: „Rein und Raus, aus die Maus?“ Willst Du, das im visuellen Speicher einer Hochzeit 2 von 500 Bildern den Gottesdienst abbilden? Komm schon, das kann es nicht sein.

Wir wollen nicht stören, wir wollen dokumentieren, Zeugnis ablegen von dem schönsten Tag unserer Paare. Wir suchen Emotionen und wollen Verbundenheit und Liebe in Bildern festhalten, dazu gehört auch die Liebe Gottes  und das, was sie mit unserem Paar macht, wenn die beiden vor Dir stehen.

Klar, wir haben auch einen Anteil am Dilemma. Der ein oder andere von uns benötigt vielleicht auch ein paar Ansagen, um sich im Gottesdienst zurecht zu finden. Viele von meinen Kollegen sind leider gar nicht mehr in der Kirche, mögen sie nicht, können mit Religion nichts anfangen. Man könnte darüber nachdenken, warum das so ist, warum freie Trauungen so boomen. Man könnte die kirchliche Trauung als Chance sehen, Menschen wieder für Kirche zu begeistern. Aber das ist ein anderes Thema.

Mir geht es um eine gute Zusammenarbeit, damit wir auch Dich und Deine Botschaft in Bildern für unsere Paare festhalten können. Lass uns einen Kompromiss schließen:

  • Wir dürfen beim Ein- und Auszug fotografieren
  • Nach dem Einzug machen wir ein paar Fotos von vorne vom Brautpaar
  • Während der Gebete, der Fürbitten, des Segens und während des Glaubensbekenntnisses (wenn es denn eines gibt) und der eigentlichen Trauzeremonie lassen wir die Kamera aus.
  • Während der Lieder dürfen wir ein wenig fotografieren und den ersten Kuss genauso.
  • Dazwischen sitzen wir artig in der Bank, genießen in der Tat den Gottesdienst, singen vielleicht sogar mit.
  • Wir laufen nicht mehr als notwendig herum, stellen keine Stative oder Lampen auf, stellen die Kamera auf „silent“ und das Piepsen vom Autofokus aus.
  • Am Anfang weist der Pastor darauf hin dass der Fotograf sich um schöne Fotos kümmert und alle anderen sich nur auf den Gottesdienst konzentrieren müssen. Uns nerven hochgehaltene Handys nämlich genauso, wie Dich…

 

Wie entspannt könnte alles sein. Für Dich, für uns, für das Paar und die Gäste. Denk doch nochmal drüber nach, oder?

 

Nachtrag 30.07.2017:

Selten hat ein Blogpost so hohe Wellen geschlagen, wie dieser. Nach einer Welle der Kommentare von Fotografen, kam eine Welle der Kommentare von Pastoren und Pfarrerinnen. Ich habe mich sehr gefreut, dass das Thema offenbar auch in Kirchen sehr kontrovers diskutiert wird und mir doch aber größtenteils Verständnis entgegengebracht wurde. Besonders gefreut habe ich mich, dass Wolf-Dieter Steinmann vom Südwestrundfunk SWR ein zweiteiliges Interview mit mir zu diesem Thema geführt hat, das am Sonntag, den 6. August 2017 in der Reihe „Begegnungen“ gegen 9:15 Uhr bei SWR1 ausgestrahlt wurde. Wer es verpasst hat, kann sich die beiden Teile hier nochmal in Ruhe anhören.

 

Teil 1:

 

Teil 2:

 

14 thoughts on “Liebe Kirche,”

  1. Liebe Fotografie.
    GAR KEIN THEMA. Komm gerne vorbei. Halt dich einfach in meinem Rücken. Dann hast du den besten Blick auf Brautpaar und Gemeinde 🙂
    (D)eine Kirche

    • Liebe Kirche,

      da steht sehr häufig der Altar, und an dem wollen wir ja gar nicht herumturnen. 😉

      Aber ich komme auf Sie zu, wenn ich in Lübeck bin, dann finden wir eine Lösung.

      Bis dahin,
      Ihr
      Matthias Fischer

  2. Lieber Herr Fischer,

    vielen Dank für Ihre wertschätzenden aber konstruktiv-kritischen Worte.
    Ich kann viele der von Ihnen geäußerten Anmerkungen nur teilen.
    Als Pastorin und ehemalige Braut kann ich sehr gut verstehen, warum Fotos so wichtig für die Erinnerung sind. Auch ich bemerke den Rausch, in dem meine Brautpaare (und manchmal ganze Hochzeitsgesellschaften) oft stecken. Da ist es gut, einen weiteren Profi an seiner Seite zu haben, der das Erlebte verlässlich einfängt.
    Ich schätze es sehr, wenn vor der Trauung ein professioneller Fotograf oder ansonsten zumindest ein einzelner fotoerfahrener Gast (ein Profi ist mir deutlich lieber) bestimmt wird, damit eben alle anderen die Handys in der Tasche lassen können.
    Nur sehr selten habe ich schlechte Erfahrungen mit FotografInnen gemacht. Mich als Profi stören sie ohnehin meist am wenigsten. Aber das eine oder andere Mal störten sie die Gemeinde oder sogar das Brautpaar und das ist einfach ein „No go“, das von mir dann auch sofort unterbunden wird.
    Doch wie Sie schon sagten, kann man in der Regel alles im Vorfeld besprechen und bei mir gelten lediglich folgende Regeln: Niemand steht bei der Trauzeremonie (insbesondere beim Ringwechsel o.ä.) zwischen mir und dem Paar. Neben uns ist in Ordnung, solange es nicht stört. Während der Zeremonie bitte nur Bilder ohne Blitz. Falls ein Bild unbedingt Blitz erfordert, können wir fast alles nachher nochmal stellen.
    Bitte nicht auf unsere Bänke/Stühle stellen, die Kanzel ist in Ordnung. falls Sie einen Hocker brauchen, bringen Sie ihn bitte selbst mit. Wir übernehmen keine Haftung.
    Spontan fallen mir nur zwei Ausnahmen ein, die vorgenannte Rgeln überhaupt nötig machten. Ein Fotograf, der mal versucht hat, sich während der Trauung abzuseilen, um ein Bild von oben zu bekommen. Entschuldigung, aber das geht wirklich gar nicht. War kurios, hat aber den Fokus völlig von der eigentlichen Trauung abgezogen und damit irgendwie die Stimmung kaputt gemacht. Und der Kollege, den ich fast aus der Kirche entfernen lassen musste, weil er wirklich massiv gestört und gedrängelt hat.
    Wenn ich meckere, dann immer mit Einverständnis des Brautpaares, immerhin ist es ihre Trauung in unserer Kirche.
    Sollten Sie allerdings mal ins schöne Flintbek bei Kiel kommen, freue ich mich schon auf Sie. Das wird bestimmt gut.

    Herzliche Grüße
    Simone Sommer

    • Liebe Frau Pastorin Sommer,

      lieben Dank für Ihre Rückmeldung, genau so muss es gehen. Die Diskussion, die sich um meinen Blogpost entwickelt hat, war fast durchgehend von Respekt gegenüber dem Gottesdienst geprägt, allerdings stolperte ich auch über Kommentare von Kollegen, die mich wiederum ins Grübeln brachte, ob nicht an der ein oder anderen Stelle auch Ihre Kollegen recht haben mit ihrer ablehnenden Haltung. Kurzum: Ich freue mich, wenn Sie uns den Weg bereiten und ich in meinen Kanälen immer die Fahne für ein respektvolles Verhalten in und gegenüber der Kirche hochalte. So bekommen wir im Zweifel am besten hin, was wir alle wollen: Glückliche Paare mit Gottes Segen und schönen Erinnerungen.

      Beste Grüße
      Ihr
      Matthias Fischer

  3. Ja, liebe Kirche, das möchten wir Fotografen, nicht für uns… um uns geht es nicht, sondern für das Brautpaar.

    Und nein, die Fotos sind nicht unnötig, das Brautpaar „hält es nicht in Erinnerung“, man vergißt das meiste, gerade, weil alles in einem Rausch vorbeifliegt. Ich weiß von meiner Trauung vor 16 Jahren kaum noch was.
    Gute, emotionale Fotos bewahren Erinnerungen, bewahren Gefühle!

  4. Bin voll und ganz bei Dir! Wir machen die Fotos zu zweit und bewegen und so wenig wie möglich aber soviel wie nötig. Und der Satz vom Pfarrer die Handys wegzustecken kommt zu unserer Freude auch immer öfter. Die Geistlichen sind begeistert von unserer unauffälligen Art. Gutes Licht und viel Freude weiterhin beim Hochzeiten fotografieren. Irene und Stephan

  5. Schön geschrieben und wie sollte es anders sein?
    Du sprichst auch mir aus der Seele.
    Da kann man als Profi noch so darauf hinweisen sehr diskret zu arbeiten, aber manche scheinen doch sehr verschlossen.

    Gruß aus Köln
    Frank

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